Internationale Bolschewistische Tendenz (IBT) — 13 Jahre nach der Konterrevolution: Antisemitismus auf dem Vormarsch. In: Bolschewik 13 (2004) Nr. 21., S. 6-8. — Version: 2011-10-06. — Geladen: 2017-04-24
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13 Jahre nach der Konterrevolution

Antisemitismus auf dem Vormarsch

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hohmann hatte in seinem Wahlkreis Neuhof vor ca. 120 Zuhörern, darunter der Chef des Bergwerks von "Kali + Salz", der evangelische Pfarrer, die CDU-Bürgermeisterin, eine antisemitische Rede gehalten, und niemand hat protestiert. Er hat die Rede im Internet gepostet, und vier Wochen lang nahm niemand Anstoß. Er hat schon öfter, sowohl in seinem Heimatort als auch im Bundestag, Brandreden ähnlichen geistigen Inhalts gehalten, ohne auf Widerstand zu stoßen. Seinem SPD-Kollegen vor Ort ist schon aufgefallen, was Hohmann so von sich gibt:

"Der einzige Kommunalpolitiker, der etwas sagt, ist Horst Michel, der Fraktionsvorsitzende der SPD. Hohmann halte am 3. Oktober immer dieselben Reden, zwar nicht in der Schärfe wie diesmal, wohl aber in der Tendenz. 'Ich gehe deshalb seit Jahren nicht mehr hin'" (Süddeutsche Zeitung (SZ), 03.11.2003).

Und was tut die SPD dagegen? Weghören! So sieht also der "Widerstand" dieses SPD-Politikers gegen rassistische und antisemitische Hetze aus.

Erst als Organisationen aus den USA an Hohmanns Rede massiv Anstoß nahmen, wurde sie zum deutschen Polit-Skandal. Diesen versuchte die CDU-Führung zunächst, mit einer Abmahnung Hohmanns und einer Umbesetzung vom Innen- in den Umweltausschuss des Bundestages auszusitzen.

Und dann ging die Kritik an seiner Rede in der bürgerlichen Öffentlichkeit - d.h. an den Parlamentspulten, in den Talkshows und im Blätterwald - am wirklich antisemitischen Inhalt glatt vorbei. Daran ändern auch die Jutta Dithfurths und Akademiker wie Wolfgang Benz nichts. Manchen Politikern war nur zu deutlich anzumerken, dass sie über etwas redeten, womit sie sich überhaupt nicht auseinandergesetzt hatten, und dass sie nur eine Pflichtübung in political correctness herunterrissen.

Hohmanns "Gerechtigkeit für Deutsche" heißt "Jude halt's Maul"

Hohmann hätte die Juden als "Tätervolk" bezeichnet. Hätte er nicht, protestierte der Gescholtene trotzig. Man habe den Kernsatz seiner Rede unterschlagen. Tatsächlich hat er im Konjunktiv gesagt:

"Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als 'Tätervolk' bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet."

Daran hat er das angehängt, was er den Kernsatz seiner Rede nennt:

"Daher sind weder 'die Deutschen', noch 'die Juden' ein Tätervolk. Mit vollem Recht aber kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts."

Der Antisemitismus dieses Kernsatzes steckt in der unverhohlenen Drohung, die auch seine ganze Rede durchzieht: Wenn die deutsche Nation weiterhin international im Sinne einer Kollektivschuldthese als Tätervolk geächtet wird, dann bedeutet sein Kampfruf "Gerechtigkeit für Deutschland, Gerechtigkeit für Deutsche", den antisemitischen Baseballschläger rauszuholen und die Juden als Tätervolk zu denunzieren. Kurzum: Er nimmt die Juden kollektiv in Geiselhaft für die Ehrenrettung und Weißwaschung des deutschen Imperialismus und droht andernfalls mit Pogromstimmung. So einer besitzt natürlich die Frechheit, sich über die revolutionäre Geiselerschießung von ein paar faschistischen Lumpen in der Münchner Räterepublik aufzuregen.

In ihm ist das völkische Denken so tief verwurzelt, dass er gar nicht anders kann, als die Juden kollektiv als Täter zu bezeichnen: Als seine Rede bereits zum Skandal geworden war, sprach er gegenüber der Fuldaer Zeitung pauschal vom "Ausmaß der Vernichtung anderen Lebens durch Juden" (vgl. SZ, 03.11.2003). Die von Hohmann zitierten Juden, wie Trotzki oder gar die säkularen Juden der vorzionistischen Zeit, wie Marx, waren Juden nicht im religiösen Sinne oder in dem einer jüdischen Nation. Sie können als Juden allein ihrer Abstammung nach, d.h. im völkisch-rassischen Sinne, betrachtet werden. Gerade die Auswahl der Beispiele durch Hohmann beweist seine rassistische Weltanschauung, seinen modernen rassistischen Antisemitismus. Seine wohlüberlegten Formulierungen in "Kernsatz" und Konjunktiv erscheinen daher nur als Kreide, die er gefressen hat.

Hohmanns Ursachen-"Forschung": "Die Juden sind unser Unglück"

Das Bekenntnis zum deutschen Volk soll wieder ein Genuss ohne Reue sein. Das Bild des deutschen Volkes soll das eines unbelasteten und uneingeschränkten Volkes sein, das zu keinen besonderen Rücksichten verpflichtet ist. Diese reaktionären Wünsche wurzeln tief in den expansionistischen Interessen des wieder erstarkenden deutschen Imperialismus. Jeder Nationalist möchte sein Volk in der Welt größer und stärker dastehen sehen. Nun hat das wiedervereinigte Deutschland einerseits noch einiges zu tun auf dem Weg zur Großmacht und andererseits unübersehbare Schwierigkeiten:

Die Thematisierung des Problemfalls Deutschland ist zur Mode geworden. Kein Polit-Talk, keine Rede, kein Feuilleton, das sich nicht ausgiebig mit dem "Patienten Deutschland" beschäftigt, von Hinz bis Kunz, von Westerwelle bis Friedman. Bei Christiansen & Co. wird mit besorgter Miene über das Wohl der Nation palavert und die Frage gewälzt, wer und was ist schuld an der Misere.

Hohmann hat eine klare Antwort parat:

Sozialschmarotzer, Frauen die auf Staatskosten abtreiben, Schwule, das Ausland, die mittelstandsfeindliche Staats- und EU-Bürokratie, Alt-68-er, Einwanderer und insbesondere Juden. Sein antisemitischer Wahn nimmt altbekannte Züge an:

"Im Jahr 2000, man kann das im Mitteilungsblatt des Rathauses nachlesen, machte Hohmann auch die Entschädigungen an Zwangsarbeiter dafür verantwortlich, dass die deutsche Olympiamannschaft in Sydney so schwach abgeschnitten habe" (SZ, 03.11.2003).

Ansonsten nutzt er das Stereotyp der jüdischen Geldgier, um Wut über die soziale Krise in die Bahn eines antisemitischen Sozialneids zu lenken:

"Ist die Bundesregierung bereit, sich auch für deutsche Zwangsarbeiter einzusetzen, nachdem für ausländische und jüdische Zwangsarbeiter 10 Milliarden DM zur Verfügung gestellt worden sind? …

Ist die Bundesregierung angesichts der Wirtschaftsentwicklung und des Rückgangs der Steuereinnahmen bereit, ihre Entschädigungszahlungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz (also an - vor allem jüdische - Opfer des Nationalsozialismus) der gesunkenen Leistungsfähigkeit des deutschen Staates anzupassen?

Die Antwort war: Nein … Mich haben diese Antworten nachdenklich gemacht und sie bestätigen die in unserem Land weitverbreitete Anschauung: Erst kommen die anderen, dann wir."

Näher kann ein bürgerlich-demokratischer Politiker der faschistischen Stürmer-Rhetorik - Juden als Unglück der Deutschen - wohl kaum kommen.

Bedrohlich ist an den Worten des Biedermanns nicht nur ihre geistige Verbindungslinie zu den faschistischen Brandstiftern, die z.B. in München einen antisemitischen Sprengstoffanschlag geplant hatten. Die Verbindung von Antisemitismus mit Sozialneid birgt eine gewaltige, lebensbedrohliche politische Sprengkraft, die durch ihre Verbindung mit einer Patriotismusdiskussion potenziert wird.

"Nicht die braunen Horden, die sich unter den Symbolen des Guten sammeln, machen tiefe Sorgen. Schwere Sorgen macht eine allgegenwärtige Mutzerstörung im nationalen Selbstbewußtsein, die durch Hitlers Nachwirkungen ausgelöst wurde."

So Hohmann, der diese Nachwirkungen - neben den Alt-68ern und einem angeblich in Deutschland herrschenden linken Meinungskartell des Gutmenschenterrors - den Juden anlastet. Dabei habe sich doch das deutsche Volk "in einer einzigartigen, schonungslosen Weise mit diesen beschäftigt, um Vergebung gebeten und im Rahmen des Möglichen eine milliardenschwere Wiedergutmachung geleistet, vor allem gegenüber den Juden." Hohmann will, dass damit Schluss sein soll, denn aus "fast drei Generationen Bußzeit bis heute … sollten nicht sechs oder sieben werden" (SZ, 31.10.2003).

"Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte".

Wehe den Juden, wenn der Vorwurf der Kollektivschuld der "Normalisierung" des deutschen Nationalismus im Weg steht. Der Schlussstrich muss her, fordert nicht nur Hohmann sondern ein ganzer Chor deutscher Patrioten..

Antisemitismus und imperialistische Reaktion

Die bürgerliche Aufregung über den Antisemiten Hohmann hat etwas Verlogenes, weil sie systematisch den reaktionären Kontext ausblendet, auf dem sein Antisemitismus gedeiht:

Er ist ein bekennender Frauenfeind, der als konsequenter Abtreibungsgegner Frauen zu Gebärmaschinen machen will. Er haßt Schwule, weil sie den Fortbestand der unter Geburtendefizit leidenden Völker der Nordhalbkugel gefährden würden. Ungestraft darf er über Sozialhilfeempfänger als Schmarotzer herziehen. Ungestraft darf er rassistische Parolen, wie "Überfremdung", gegen Einwanderer schreien. Ungestraft darf er den rassistischen Wahn von der angeblichen Benachteiligung Deutscher gegenüber sogenannten sozialschmarotzenden Asylanten bedienen.

Als sein rechtskonservativer Geistesbruder Henry Nitzsche (CDU) ungefähr zeitgleich mit anti-türkischen Schlagworten, die seinem geschlossenen rassistischen Weltbild entsprangen, auf sich aufmerksam machte, kam dieser viel glimpflicher davon:

"Merkel sagte, hier liege 'ein anderer Sachverhalt' als bei den antisemitischen Äußerungen Hohmanns vor, 'wenn auch ein außerordentlich unangenehmer insbesondere gegenüber unseren türkischstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern'. Hinter den Aussagen von Nitzsche stehe 'politische Dummheit', aber 'kein Gedankenbild und kein inhaltliches Konstrukt, das mit der Demokratie in Deutschland nicht vereinbar ist, so wie das Herr Hohmann gemacht hat'"(SZ, 12.11.2003).

Offensichtlich wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Sozialhetze, Frauen- und Schwulenhass und Rassismus sind mit der bürgerlichen Demokratie vereinbar, Antisemitismus letzten Endes heute noch nicht. Hinter der Ablehnung des Antisemitismus durch bürgerliche Politiker steht allerdings keine innere Überzeugung. Nur ein hauchdünnes und hohles, ritualisiertes Tabu trennt den Antisemitismus von erneuter Hoffähigkeit in der bürgerlichen Politik. Die Tatsache, dass es eine ganze Zeit so aussah, als käme Hohmann ungeschoren davon, dass laut Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.11.2003 ca. ein Drittel der CDU-Fraktion mit Hohmanns Ansichten sympathisiere, beweist wie stark das Tabu bereits wackelt. Dieses Tabu ist hauptsächlich ein Resultat außenpolitischer Rücksichten - ausgehend von der historischen Niederlage des deutschen Imperialismus im Zweiten Weltkrieg. Mit dem Erstarken des wiedervereinigten deutschen Imperialismus und der zunehmenden innerimperialistischen Konkurrenz, insbesondere des Antiamerikanismus, wird auch der Antisemitismus wieder aus der Schmuddelecke in die berühmte politische Mitte drängen. Walsers Paulskirchenrede, die Möllemann/Karsli-Affäre und der Fall Hohmann sind nur die Vorboten. Die nun von Journalisten und Politikern als Gegengift empfohlene Patriotismusdiskussion wird weiteres Öl ins Feuer gießen. Denn wenn der deutsche Patriotismus sein Haupt hebt, hängt unweigerlich ein antisemitischer Rattenschwanz daran.

Patriotismus und Antisemitismus

Hohmann leitete seine Rede mit den Worten ein:

"Wir wollen uns über das Thema Gerechtigkeit für Deutschland', über unser Volk und seine etwas schwierige Beziehung zu sich selbst einige Gedanken machen."

Dieses patriotische Anliegen führte ihn im Verlauf seiner Rede schnurstracks und logisch zu seinen antisemitischen Ausführungen. Ausgehend von den patriotischen Prämissen sind seine Ausführungen, im Kontext der deutschen Geschichte und angesichts des deutschen Weltmachtstrebens, nicht nur plausibel sondern geradezu zwingend. Nach Unions-internen Aussagen teilt ein Drittel der Abgeordneten seine Ansichten insgeheim und findet es falsch und verlogen, dass man die Wahrheit nicht offen sagen dürfe. Das ist folgerichtig, denn Hohmann hat eine Wahrheit des Patriotismus ausgesprochen, mit der er nicht alleine steht. Er selbst zitiert den BDI-Vize Henkel:

"In einem Interview hat unlängst Hans-Olaf Henkel, der Vizepräsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie das Faktum und die Folgen dieser negativen Vergangenheitsbezogenheit auf den Punkt gebracht. Er sagte:

Unsere Erbsünde lähmt das Land.' (HÖR ZU 21/2003, Seite 16 ff)."

Henkel moniert: "Es ist der deutsche Schuldkomplex, der uns lähmt. Er verhindert auch die nötigen Reformen", d.h. das notwendige Fitnessprogramm der umfassenden Mobilmachung für den deutschen Imperialismus.

Und fordert: "Wir sollten nicht dauernd nur in unsere schreckliche Vergangenheit blicken und uns von ihr blockieren lassen. Wir sollten mit mehr Unbefangenheit, Selbstbewusstsein und mehr Kampfgeist in die Zukunft schauen". " Wir müssen versuchen diese Reformen mit der Notwendigkeit, wettbewerbsfähig zu werden, zu begründen und nicht schon wieder mit Frieden" (HÖR ZU 21/2003, Seite 16 ff).

Mehr Kampfgeist für einen unverblümteren Klassenkampf von oben erfordert also einen, vom Makel der barbarischen Geschichte des deutschen Kapitals befreiten, Patriotismus: Profit, Patriotismus, Antisemitismus formieren sich vor unseren Augen wieder als fatale Dreiecksbeziehung der Herrschaftssicherung der deutschen Bourgeoisie.

Ein Wirtschaftskapitän wie Henkel macht sich natürlich nicht selbst die Finger schmutzig bei der Weißwaschung des deutschen Imperialismus. Er gibt nur die Marschrichtung vor. Die Drecksarbeit samt ihrer Risiken überlässt er den politischen Wasserträgern der Bourgeoisie. Hohmann ist, wie Möllemann, vorerst gescheitert. Andere werden es erneut versuchen. Zu unmissverständlich ist der objektive Marschbefehl. Verstanden wurde der Auftrag jedenfalls auch von SPD-Politikern wie Clement. Seine Reaktion auf die Protestdemonstration gegen den Sozialabbau am 1. November brachten die Verkäufer des Tagesspiegel vom Sonntag (02.11.2003) in Berlin mit folgender Schlagzeile unter die Leute: "Clement: Das Land braucht Patrioten. Minister ruft Deutsche zu längerer Arbeit auf…"

Kapitalistische Offensive und Volksgemeinschaft

Der Chor der Patrioten singt immer dann besonders laut, wenn die Herrschenden die Untertanen im Profitinteresse besonders hart rannehmen. Auch der kapitalistische Politiker Hohmann weiß und will, dass auf die Untertanen des deutschen Volkes harte Zeiten zukommen:

"Das Wir-Denken, die Gemeinschaftsbezogenheit, müssen aber zweifellos gestärkt werden. Bitter für uns, daß diese schwierige Übung ausgerechnet in einer Zeit wirtschaftlicher Stagnation von uns verlangt wird. Die Zahl der bereits erfolgten Einschränkungen ist nicht gering, die Zahl der künftigen - dazu muß man kein Prophet sein - wird noch größer sein".

Die Ideologie der Volksgemeinschaft soll in diesen schwierigen Zeiten, den Laden zusammenhalten und die Klassenwidersprüche unter den Teppich kehren.

Daher ist für den völkischen Nationalisten Hohmann der gesunde deutsche Volkskörper das notwendige ideologische Substrat der deutschen Staatsmacht. Der bürgerliche Demokrat Hohmann weiß, dass es noch völlig inopportun ist, Auschwitz zu leugnen oder explizit zu rechtfertigen. Also hat der kapitalistische Politiker Hohmann ein Problem: Wie kann man das Konstrukt der völkischen Einheit aufrechterhalten, ohne für die Verbrechen der Nazis haften zu müssen. Doch "Gott sei dank" fällt Hohmann als christlicher Fundamentalist ein schlauer Trick ein: Religion ist für ihn zentraler Bestandteil der ethnisch-völkischen Definition eines Volkes. Die Gottlosen gehören also gar nicht wirklich dazu; sie sind volksfremd, Volksfeinde, Volksschädlinge.

Antisozialismus und Antisemitismus

Hohmanns Rede ist extrem gut durchdacht und formuliert. So hat er sich trotz der Aussage, Juden seien genauso wenig wie Deutsche ein Tätervolk, die Tür offen gehalten, um diesen Vorwurf gegen die Juden bei Bedarf doch explizit erheben zu können. Die Hintertür ergibt sich aus der Kombination zweier zentraler Passagen seiner Rede:

"Ford brachte in seinem Buch eine angebliche Wesensgleichheit' von Judentum und Kommunismus bzw. Bolschewismus zum Ausdruck. Wie kommt Ford zu seinen Thesen, die für unsere Ohren der NS-Propaganda vom 'jüdischen Bolschewismus' ähneln? Hören wir, was der Jude Felix Teilhaber 1919 sagt: 'Der Sozialismus ist eine jüdische Idee & Jahrtausende predigten unsere Weisen den Sozialismus.'"

"Die Juden, die sich dem Bolschewismus und der Revolution verschrieben hatten, hatten zuvor ihre religiösen Bindungen gekappt. Sie waren nach Herkunft und Erziehung Juden, von ihrer Weltanschauung her aber meist glühende Hasser jeglicher Religion. Ähnliches galt für die Nationalsozialisten. Die meisten von ihnen entstammten einem christlichen Elternhaus. Sie hatten aber ihre Religion abgelegt und waren zu Feinden der christlichen und der jüdischen Religion geworden."

Während die Nazis nicht als Deutsche oder Christen, die sich dem Faschismus verschrieben haben, daherkommen, sondern gleich als ausgesonderte Gruppe, sind Trotzki und Co. Juden, die sich dem Bolschewismus verschrieben haben, die trotz atheistischer Weltanschauung nach Herkunft (d.h. Rasse) und Erziehung (d.h. Kultur) Juden waren. Auch wenn die Bolschewiki religiöse Juden verfolgten, blieben sie laut Hohmann doch selber ethnische (d.h. kulturelle) und völkische (d.h. rassische) Juden, die mit ihrer jüdischen Kultur den Sozialismus bereits in die Wiege gelegt bekamen. Einerseits konstruiert Hohmann also über das Christentum eine Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und wahrem Deutschtum, andererseits seien Sozialismus und Revolution ein wesenseigenes Erbe der jüdischen Kultur. Beide Konstrukte sind historisch völlig unhaltbar. Man denke nur an die Rolle der beiden christlichen Amtskirchen im 3. Reich, um die erste Behauptung ad absurdum zu führen. Die zweite ist nicht weniger haltbar. Haben doch jüdische Kapitalisten oder der selbsternannte Judenstaat Israel - anders als die Kommunisten aus jüdischem Elternhaus - mit Sozialismus nicht die Bohne zu tun.

Diese christlich-fundamentalistische Sichtweise erlaubt Hohmann nicht nur, aus "den Juden" eher noch als aus "den Deutschen" ein Tätervolk zu machen; sie taugt sogar zur Rechtfertigung des Holocaust als antijüdische Verteidigungsmaßnahme:

Ein über verschiedene konservative Netzwerke und deren Ideologie verbundener Weggefährte Hohmanns ist Ernst Nolte, der im Historikerstreit der 80er Jahre den Nationalsozialismus als Abwehrreaktion auf den Bolschewismus und seine angeblichen Jahrhundertverbrechen darstellte. Wenn der Bolschewismus aber ein Kind der jüdischen Kultur und ein Werk "der Juden" ist, dann erscheint Auschwitz als legitime Abwehrreaktion gegen die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung. Das wäre der nahtlose ideologische Übergang von "Gerechtigkeit für Deutsche = Jude halt's Maul" zu "Deutsche wehrt Euch - Juda verrecke!"

Dies bleibt zwar unausgesprochen, wird aber durch alles Ausgesprochene so nahe wie möglich gelegt. Selten wurde etwas so laut und deutlich nicht ausgesprochen.

Lob der Revolution

Auffällig ist, dass die Liste der Verbrechen, die man laut Hohmann kollektiv den Juden zurechnen könnte, fast ausschließlich Beispiele fortschrittlichen Terrors enthält, der sich gegen den reaktionären Klerus oder gegen faschistische Keime wie die Weißgardisten in der Sowjetunion und die Thule-Gesellschaft in Deutschland richtete. Die Tschekisten, egal welcher Herkunft, die zu Zeiten Lenins mit der notwendigen Härte gegen die konterrevolutionären Feinde des Arbeiterstaates vorgingen, waren keine Verbrecher. Sie sind Helden! Denn wie Hohmann Arthur Rosenberg zitiert:

"Die Sowjetmacht hat die Pflicht, ihre unversöhnlichen Feinde unschädlich zu machen."

Dazu stehen wir. Übrigens würde der Ex-BKAler Hohmann mit den unversöhnlichen Feinden der deutschen Ausbeutermacht nicht anders umgehen.

Er nimmt Anstoß am Terror der Revolution (übrigens auch der bürgerlichen französischen), weil er für den Terror der Reaktion des niedergehenden Kapitalismus gegen Arbeiter, Sozialhilfeempfänger, Immigranten, Schwule und Linke ist.

Vom Faschismus unterscheiden den bürgerlichen Demokraten Hohmann nicht die Feindbilder sondern die Mittel: Hohmann will den bürgerlich-demokratischen Staat reformieren, von Liberalismus und Hedonismus der Alt-68er "befreien" (als wenn Schily, Fischer und Co. das nicht schon selbst erledigt hätten), den Sozialstaat deregulieren und die "unternehmerfeindlichen" Vorschriften entbürokratisieren, die autoritären Züge und den Repressionsapparat gegen die Lohnabhängigen und ihre Organisationen stärken. Er hofft, mit dem Terror dieses staatlichen Gewaltmonopols auszukommen.

Nur klassenbewusste bewaffnete Arbeiter können, Schulter an Schulter mit den Opfern der kapitalistischen Unterdrückung, diesen Terror stoppen. Dabei spielen eingewanderte Arbeiter eine zentrale, strategische Rolle, da sie einerseits einer besonderen Unterdrückung durch Rasterfahndung, Polizeirazzien und Abschiebeterror ausgesetzt sind und andererseits ein Bindeglied zur Macht der Arbeiterklasse darstellen, die den Kapitalisten die Kontrolle über die Produktion des gesellschaftlichen Lebens entreißen kann. Ein antirassistisches Klassenkampfprogramm muss volle Staatsbürgerrechte für alle Immigranten und gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordern, sowie gegen alle Einwanderungsbeschränkungen und Abschiebungen kämpfen. Es muss aber auch aufzeigen, dass diese demokratischen Forderungen im Kapitalismus nicht erfüllbar sind, sondern mit der revolutionären Mobilisierung der Arbeiterklasse verbunden werden müssen. Der Holocaust hat im 20. Jahrhundert bewiesen, dass eine Assimilation der Juden in die bürgerliche Gesellschaft in der Epoche ihrer imperialistischen Dekadenz nicht mehr möglich ist. Ebenso wenig ist der Kapitalismus zu einer wirklichen Integration der Immigranten fähig. Dazu fehlt dem Kapitalismus in der Krise das wirtschaftliche Potenzial sowie die politische Bereitschaft, weil der Rassismus ein strategischer Bestandteil der kapitalistischen Herrschaftssicherung geworden ist. Nur im gemeinsamen revolutionären Klassenkampf und in einer kommunistischen Gesellschaft ist eine gleichberechtigte Integration noch möglich. Der Kommunismus ist nicht die Lehre irgendeines Volkes. Er ist die internationale Lehre von der Befreiung der Arbeiterklasse. Da die Arbeiterklasse in ihrem Befreiungskampf als "Volkstribun" (Lenin) aller Unterdrückten auftreten muss, wundert es uns nicht, dass Angehörige besonders unterdrückter Minderheiten wie unter anderem der Juden in den Reihen der kommunistischen Avantgarde des 19. und 20. Jahrhunderts überrepräsentiert gewesen sein mögen. Nützt die kommunistische Weltrevolution Juden ebenso wie allen anderen Unterdrückten? Ja, und wir sind stolz darauf, denn nur neue Oktoberrevolutionen weltweit werden auf Dauer einen neuen Holocaust verhindern!