Internationale Bolschewistische Tendenz (IBT) — Hände weg von Afghanistan. In: Bolschewik 11 (2002) Nr. 17, S. 13-15. — Version: 2011-10-06. — Geladen: 2017-07-26
URL: http:// bolshevik.org/deutsch/bolschewik/ibt_bol17_2002-04.html

Hände weg von Afghanistan

Der folgende Text ist eine überarbeitete Version eines Vortrags, gehalten von Tom Riley an verschiedenen Universitäten in Kanada, Anfang November. Ein Teil des Vortrags, dessen Inhalte so ähnlich an anderer Stelle in dieser Ausgabe ausgeführt werden, wurde gekürzt (durch Auslassungszeichen markiert).

Seit einigen Wochen läuft nun schon der "Krieg" zwischen einem der ärmsten, rückständigsten Länder der Erde und der Welt größter, industriell entwickelster Gesellschaft (die zudem das zehnfache an Bevölkerung hat). Und die größere Macht wird von einer "Koalition" gestärkt, die jedes andere imperialistische Land (einschließlich des 'tapferen, neutralen' Kanada) umfasst. Die mächtige Luftwaffe der Vereinigten Staaten ist damit beschäftigt, systematisch das wenige zu zerstören, das nach 20 Jahren fortdauernden Bürgerkriegs in Afghanistan noch übrig ist.

Simon Jenkins von der Londoner Times (einem traditionellen Organ des britischen konservativen Establishments) beschrieb den Koalitionsfeldzug wie folgt:

"Das jetzige hochintensive Bombardement Afghanistans ist selbst bei weitester Auslegung militärischer Vorstellungen nicht einfach ein Ausschalten der Luftwaffe oder ein Zerstören von Bin Ladens Netzwerk. Es ist ein strategisches Bombardieren von was immer als afghanischer Staat, seine Städte und Menschen gilt. Das Pentagon nennt es offen 'psychologisches Bombardieren', das Zielen auf Straßen, Kraftwerke und öffentliche Gebäude (selbst solche mit roten Kreuzen). Da afghanische Truppen, aus der Luft besehen, von Zivilisten nicht unterscheidbar sind, bedeutet der Einsatz von Bombern, dass keine Bodenoperation riskiert werden kann, solange noch Afghanen in der Region am Leben sind. Für Tausende Flüchtlinge aus Afghanistan heißt dies in der Tat, Terror mit Terror heimzahlen" (Times, 24. Oktober 2001).

Bis jetzt sind mehr als tausend afghanische Zivilisten umgebracht worden. Wie die Zerstörung des World Trade Centers ist dies ausgeübte monströse Kriminalität.

Die Vereinigten Staaten wollten ganz klar jemanden für den Angriff auf das "Heimatland" zahlen lassen - aber das Töten von zehn oder auch hunderttausend Afghanen wird die Welt weder für Amerikaner noch für irgendjemanden sonst einen sichereren Platz machen. Offiziell ist es natürlich gar kein Krieg gegen 'Afghanistan' sondern gegen den 'Terrorismus', den das FBI und das US-Verteidigungsministerium definieren als:

"ungesetzlichen Gebrauch von Macht oder Gewalt gegen Menschen oder Eigentum, um eine Regierung, die Zivilbevölkerung oder einen Teil davon einzuschüchtern oder zu zwingen, um politische oder soziale Ziele durchzusetzen."

Die USA haben "Macht oder Gewalt" öfter als alle anderen Staaten benutzt, um Zivilisten zu zwingen und einzuschüchtern und um andere Regierungen zu stürzen: 1953 in Guatemala, 1964 in Brasilien, 1973 in Chile, in den gesamten 80ern in Nicaragua - und es gibt eine Menge anderer Beispiele. Nach Ansicht des FBI gilt jedoch keines dieser Beispiele als "Terror", da sie ja alle 'gesetzlich', das heißt von der US-Regierung genehmigt, waren.

Am 9. Oktober, zwei Tage nach Beginn der Bombardierung, gab der US-Botschafter John Negroponte dem UN-Sicherheitsrat bekannt, dass Washingtons "Krieg gegen den Terrorismus" auf andere Länder außer Afghanistan übergreifen könnte. In weiten Kreisen hält man den Irak für den nächsten auf der Liste; Syrien, Libyen und verschiedene andere Länder werden ebenfalls für mögliche Ziele gehalten. John Pilger, der für Londons liberalen Guardian schreibt, wies darauf hin, dass Negroponte als 'anti-terroristischer' Weltbotschafter Amerikas eine besonders groteske Wahl war:

"Als US Botschafter im Honduras der frühen 80er Jahre überwachte Negroponte die amerikanische Finanzierung der Todessschwadronen des Regimes, als Bataillon 316 bekannt, die die demokratische Opposition vernichteten, während die CIA ihren 'Contra'-Terrorkrieg gegen das angrenzende Nicaragua führte." (Guardian, 25. Oktober 2000).

Globaler Kapitalismus: Unendliche Ungerechtigkeit

Das kapitalistische Weltsystem, geführt von den USA, beruht auf massiver, endloser Gewalt gegen die große Mehrheit der Menschheit, um den Reichtum von den Armen zu den Reichen umzuverteilen - in und zwischen den Nationen. Die Weltbank berichtet, dass die Hälfte der Weltbevölkerung von weniger als 2 US-Dollar am Tag lebt. Jetzt, wenn die wirtschaftlichen Indikatoren sinken, wird uns erzählt, uns auf eine Zeit des Gürtel-enger-Schnallens vorzubereiten. Für diejenigen, die versuchen, aus den 2 Dollar am Tag eine Existenz herauszuholen, wird es sogar noch schrecklicher werden. Die Verarmung der Milliarden Unglücklichen am einen Pol wird natürlich durch die enorme Anhäufung von Reichtum und Macht durch eine winzige Elite am anderen Pol "ausgeglichen".

Nach dem Angriff vom 11. September veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium die Grundzüge der heutigen militärischen Doktrin der USA, unterzeichnet von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Es erklärt, dass Amerika "dauernde nationale Interessen" an "Zugang zu Schlüsselmärkten und strategischen Ressourcen" überall auf dem Planeten hat und macht ein US-Recht geltend, unfügsame Regime zu stürzen:

"US-Kräfte müssen die Fähigkeit behalten, auf Anweisung des Präsidenten den Willen der Vereinigten Staaten und seiner Koalitionspartner durchzusetzen gegen jeden Gegner, einschließlich Staaten oder nicht-staatliche Einrichtungen. Solch eine entscheidende Niederlage könnte einschließen, das Regime eines gegnerischen Staates zu ändern oder fremdes Gebiet zu besetzen, bis die strategischen Ziele der USA erreicht sind" (Quadrennial Defense Review Report, 30. September 2001; S. 13)

Der jetzige "Krieg gegen den Terrorismus" ist, vor allem anderen, eine Übung darin, "den Willen der Vereinigten Staaten" durchzusetzen.

Der Aufstieg des radikalen Islamismus

Um die Kette von Ereignissen zu verstehen, die zum 11. September geführt haben, müssen wir wenigstens einige Jahrzehnte zurückgehen. In den frühen 60er Jahren wurden radikale islamische Fundamentalisten im allgemeinen vom größten Teil der arabischen Welt als verrückte Randerscheinung angesehen - ähnlich wie die "Creation Scientists" [religiöse Gruppen, die die biblische Schöpfungslehre für wissenschaftlich halten] in Nordamerika.

Dies begann sich mit Israels Sieg im Sechs-Tage-Krieg 1967 zu ändern, als die ägyptische Luftwaffe völlig zerstört wurde und Israel die Sinai-Halbinsel eroberte. Das zerstörte das Prestige von Gamal Abdel Nasser, dem Führer der 'Arabischen Revolution', der 1956 erfolgreich den Suez-Kanal nationalisiert und der gemeinsamen britisch-französischen-israelischen Invasion widerstanden hatte. Die Fundamentalisten behaupteten, dass Ägypten, der kulturelle und politische Führer der arabischen Welt, besiegt wurde, weil es sich von Allah ab- und dem weltlichen Modernismus zu gewandt hatte.

Der große Durchbruch der Islamisten kam 1979, als Ajatollah Ruhollah Chomeini den Pfauenthron des Schahs Reza Pahlewi stürzte und im Iran eine "Islamische Republik" errichtete. Der Schah war 1953 an die Macht gekommen, in einem vom CIA arrangierten Putsch, der das modernisierende, nationalistische Regime von Mohammed Mosaddeq stürzte. Um die Pahlewi-Dynastie zu "stabilisieren", schuf die CIA, mit der Hilfe des israelischen Geheimdienstes, die SAVAK, Irans berüchtigte politische Polizei. Die SAVAK inhaftierte, folterte und ermordete Tausende von Regimegegnern. Iran war unter dem Schah, zusammen mit Israel und Saudi Arabien, eine der Säulen des amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten.

Der islamische Fundamentalismus muss im Grunde als reaktionäre Antwort auf die imperialistische Vorherrschaft verstanden werden - das Verfechten ihrer eigenen kulturellen Identität durch einen Teil der Unterdrückten und eine Ablehnung der Werte ihrer Unterdrücker. Eins haben radikale Islamisten (einschließlich Chomeini, Bin Laden und die Taliban) gemeinsam: ihre Opposition zu sozialer Gleichheit. Sie bestehen auf der totalen und absoluten Unterwerfung der Frauen innerhalb der Familie und ihrem praktischen Ausschluss aus der Gesellschaft. Sie stehen dem Sozialismus genauso feindlich gegenüber wie der westlichen kapitalistischen Ideologie.

Das "strukturelle Anpassungsprogramm", das der IWF durchpeitschte und das von so vielen Herrschern in der Region begeistert aufgenommen wurde, öffnete die Türen für fremde Kapitalanlagen und billige Importe. Landwirtschaft, einheimische Herstellung und viele traditionelle Berufe wurden durch die plötzliche Einführung der "Leistungsfähigkeit" des Weltmarktes überflüssig. Das Ergebnis war das Anwachsen von Slums in den Städten, voller verarmter ehemaliger Bauern, die heute völlig abhängig von den islamischen Wohltätigkeit (betrieben durch die Moscheen) sind, um Gesundheitsschutz, Erziehung und andere soziale Dienste zu erhalten. Diese Menschen machen die Massenbasis der Mullahs aus und können jederzeit auf die Straße gerufen werden. Aber die Kader der islamistischen Bewegung sind hauptsächlich aus Mitgliedern der wissenschaftlich geschulten geistigen Oberschicht rekrutiert, die fühlen, dass sie, und nicht die heutige Bande korrupter imperialistischer Lakaien, an der Macht sein sollten.

Imperialismus & Reaktion in Afghanistan

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[Die USA unterstützten den bewaffneten Widerstand der Mudschaheddin bereits vor dem Einmarsch der UdSSR.]

Die Mullahs, die Geldleiher und Großgrundbesitzer bekämpften die PDPA wegen ihrer Dekrete, zur Streichung der Schulden, Senkung des Brautpreises (einer Hauptgeschäftsquelle der Geldleiher) und Übergabe des Landes an die, die es bearbeiten. Die PDPA hatte auch die Verheiratung von Kindern abgeschafft und Schulunterricht für Mädchen initiiert. Die Führer der 'freien Welt' stellten sich instinktiv auf die Seite der islamischen Reaktionäre, genauso wie Revolutionäre die PDPA und ihre sowjetischen Verbündeten verteidigten.

Die US-Hilfe ging an die fanatischsten Mudschaheddin-Gruppen, da diese die unversöhnlichsten Gegner der Sowjets sein würden.

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Als die Kreml-Bürokratie ihre afghanischen Verbündeten verriet und 1989 die sowjetischen Truppen zurückzog, verloren die USA das Interesse an dem Konflikt. Das PDPA-Regime hielt noch drei Jahre durch, bevor es von den Islamisten überwältigt wurde. Aber die siegreichen Mudschaheddin-Kriegsherren, momentan versammelt in der 'Nord-Allianz', fielen in einem wilden Kampf um die Macht übereinander her, der der Zivilbevölkerung einen grausamen Zoll abverlangte.

Die Ordnung in Pakistan war bedroht durch die anhaltende Unruhe jenseits seiner Grenzen. & [So] begann es mit 'aktiver militärischer Unterstützung' für die Taliban, eine fanatische paschtunische Muslim-Sekte, die ihre Basis in den afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistans nord-westlicher Grenzprovinz hat.

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An der Macht verboten die Taliban sehr bald Rasieren, Musik und Tanz bei Hochzeiten; sie schlossen alle Schulen für Mädchen und verboten Fernsehen, Kassettenrecorder, die Haltung von Tauben und selbst Katzen als Haustieren. Unter den Taliban wurden Diebe mit Amputation, Ehebrecher mit Steinigung bestraft, und religiöse und nationale Minderheiten wurden brutal unterdrückt.

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[Mit der Entdeckung und Erschließung der Erdöl- und Gasreserven in Zentralasien rückte Afghanistan wieder in das Fadenkreuz amerikanischer Interessen. Anfänglich begrüßte Washington die Taliban als Kraft der Stabilität in Afghanistan; dies änderte sich mit den Anschlägen auf zwei afrikanische US-Botschaften 1998, die dem von den Taliban beherbergten Bin Laden zugeschrieben wurden.]

Ein Ziel des amerikanischen Kriegs gegen den Terrorismus, neben der Beseitigung eines feindlichen Regimes, ist die Stärkung des US-Einflusses in Zentralasien. Die Errichtung amerikanischer Militärbasen in Usbekistan und Tadschikistan, beide bisher fest der Einflusssphäre des Kremls zugeschrieben, ist ein großer Schritt in diese Richtung. Den Russen wurde zugesichert, diese Basen seien nur vorübergehend - aber Putin erinnert sicherlich die feierlichen Versprechen, die Gorbatschow zur Zeit des Falls der Berliner Mauer gemacht wurden; dass, falls er der NATO-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands zustimme, kein anderes ehemaliges Land des Warschauer Paktes jemals in die NATO dürfe. Heute sind Polen, die Tschechische Republik und Ungarn alle NATO-Mitglieder und die meisten restlichen ehemaligen Paktstaaten stehen auf der Kandidatenliste.

Osama Bin Superstar

Eine Quelle beträchtlichen Ärgernisses für die "Koalitions"-Partner war die Leichtigkeit, mit der Bin Laden den Popularitätswettkampf um die Herzen der Muslime in der Region gewinnt. Die Erklärung ist sehr einfach: Bin Ladens Programm stimmt mit dem, was die meisten Menschen dort wollen, überein. Er hat versprochen, al-Qaidas Dschihad gegen die USA einzustellen, wenn drei Bedingungen erfüllt werden. Erstens, die US-Streitkräfte müssen Saudi Arabien, Heimat von Mekka und Medina, den beiden heiligsten Stätten des Islam, verlassen. Die zweite Bedingung ist, dass die Sanktionen gegen den Irak, die über eine Million Menschen umgebracht haben, beendet werden. Drittens verlangt Bin Laden den Rückzug Israels aus der Westbank, Gaza und Ost-Jerusalem sowie die Bildung eines palästinensischen Staates auf diesen Gebieten.

Die meisten Amerikaner würden diesen Forderungen nicht widersprechen, und deshalb gab es auch im wesentlichen einen Medien-Black-Out. Bin Ladens ultimatives Programm ist natürlich die Durchsetzung fundamentalistischer islamischer Regime im gesamten Nahen und Mittleren Osten, aber als erster Schritt ist sein Hauptinteresse die Vertreibung der "Ungläubigen" aus dem Gebiet.

Die US-Versuche, den "Terrorismus" zu zerstören, haben vor allem den Status der al-Qaida unter unzufriedenen Muslimen erhöht. Wenn Zehntausende afghanischer Flüchtlinge in diesem Winter verhungern oder erfrieren, ist es wahrscheinlich, dass diese Unterstützung weiter zunimmt. Die Herrscher von sowohl Pakistan als auch Saudi Arabien (beide offizielle Unterstützer der USA-Kampagne) sind besorgt, dass ein länger dauernder Konflikt ihre Regime destabilisieren wird. Aber Washington scheint entschlossen zu versuchen, den Widerstand der Taliban aus der Luft zu brechen, ohne Rücksicht auf Verluste unter afghanischen Zivilisten, bevor amerikanischen Bodentruppen riskiert werden.

Den Krieg zu den Paschtunen bringen

Zu diesem Zeitpunkt ist es schwer, das Ergebnis des Konfliktes vorauszusagen. Die Taliban sind bei vielen Afghanen extrem unpopulär; doch gibt es einige Anzeichen dafür, daß das Terrorbombardement der Koalition die Unterstützung gestärkt hat - genau wie der Angriff aufs Word Trade Center Bush Jr.s Popularitätskurve steigen ließ. Die Taliban-Führung scheint zu glauben, ihre Truppen seien gut genug eingegraben, um das Schlimmste, was die US-Luftwaffe auf sie abwerfen könne, zu überleben. Der britische Telegraph, Sprachrohr der Tories, vom 26. Oktober berichtete, dass die US-Delta-Elitestreitkräfte erstaunt über den heftigen Widerstand der Taliban waren, als sie am 20. Oktober einen kurzen Überfall auf ein verlassenes Gelände im Kandahar-Gebiet durchführten.

Die Taliban-Strategie schließt scheinbar ein, den Konflikt lange genug auszudehnen und genug amerikanische Soldaten zu zermürben, um die USA zum Rückzug zu zwingen. Diese Lehre haben sie aus Reagans eiligem Rückzug aus dem Libanon, nach der Zerstörung der Baracken der US-Marines 1983, gezogen und auch aus Clintons Rückzug aus Somalia ein Jahrzehnt später, als 18 US-Soldaten in einem Feuergefecht mit den Streitkräften eines lokalen Kriegsfürsten umkamen. Nach dem Angriff auf das World Trade Center ist jedoch die Unterstützung in den USA für den Angriff auf Afghanistan sehr viel größer, als dies bei den Interventionen im Libanon oder Somalia der Fall war.

Wenn es den USA ernst damit ist, die Taliban auszuheben und ein stabiles Klientenregime in Afghanistan zu schaffen (statt nur Unterstützung aus der Luft für ihre Stellvertreter der Nordallianz zu geben oder Kabul anzunehmen), dann müssen sie den Kampf in das Gebiet der Taliban-Basen um Kandahar tragen - in die Paschtunen-Bevölkerung, die im Grenzbezirk zwischen Afghanistan und Pakistans nordwestlicher Grenze lebt. Das könnte zu einer ganzen Reihe von neuen Problemen führen - schließlich könnte General Pervez Musharrafs Regierung ein wahrscheinliches, frühes Opfer eines solchen Angriffes werden. Mangelnde Stabilität in Islamabad beschwört eine Menge Alptraumszenarien herauf, wenn man an Pakistans nukleares Arsenal denkt.

Der Krieg an der Heimatfront

Die Herrscher der USA benutzen den "Krieg gegen den Terrorismus", um die schwer errungenen demokratischen Rechte (und den Lebensstandard) der amerikanischen Arbeiter anzugreifen. Mehr als tausend Menschen, hauptsächlich arabische Einwanderer, wurden unbefristet eingesperrt. Die Autoritäten weigern sich, ihre Namen oder die Anklagepunkte (wenn es denn welche gibt) zu nennen. Es wird auch über die Legalisierung der Folter gesprochen, um Geständnisse zu beschleunigen, wie das in Israel bereits gehandhabt wird. Jean Chrétiens Regierung in Kanada, die jeden Schritt des US-Feldzugs gegen Afghanistan unterstützt hat, will eine 'anti-terroristische' Gesetzgebung durchsetzen, die einen Blankoscheck für die Regierung bedeutet, jeden zu verfolgen und einzukerkern, den sie nicht mag.

Die Bush-Administration benutzt die augenblickliche Welle der Fremdenfeindlichkeit, um US-Firmen mit Milliarden Dollar an rückwirkenden Steuernachlässen zu überschütten. Den Flug- und Versicherungsgesellschaften wurden zig Milliarden versprochen. Dies wird alles aus den Sozialkassen genommen, die sicherstellen sollten, dass amerikanische Arbeiter ihr Rentendasein nicht in Pappkartons verbringen und Katzennahrung essen müssen.

Wenn die Arbeiter in den USA begreifen, dass dieser 'Krieg' an zwei Fronten geführt wird - gegen Afghanistan und gegen sie selbst - könnten wir einen Ausbruch des Klassenkampfes im amerikanischen 'Heimatland' erleben. Es ist unnötig zu bemerken, dass es viel weniger patriotische Hysterie in der schwarzen Bevölkerung gibt, die historisch tendenziell der politisch fortgeschrittenere Teil des Proletariats ist.

Die Aufgabe der Marxisten in jedem Land der imperialistischen 'Koalition' ist es, die arbeitenden Menschen dafür zu gewinnen, zu erkennen, dass es in ihrem Interesse ist, Afghanistan gegen ihre "eigenen" Herrscher zu verteidigen. Ein einziger politischer Streik der Arbeiter gegen den Krieg könnte international ungeheuere politische Auswirkungen haben - besonders im Nahen und Mittleren Osten - und helfen, die Grundlage für zukünftige gemeinsame Klassenkämpfe zu legen.

Die Taliban sind die tödlichen Feinde der Unterdrückten und müssen gestürzt werden - aber diese Aufgabe, wie die Beseitigung des Rests der reaktionären Regime in der Region, ist die Aufgabe der Unterdrückten und Ausgebeuteten und nicht die der Imperialisten. Das schlimmste Ergebnis dieses Konfliktes, vom Standpunkt der Arbeiter hier und im Nahen und Mittleren Osten, wäre ein einseitiger Sieg der US-geführten 'Koalition', wie über den Irak vor einem Jahrzehnt. Ein billiger imperialistischer Sieg würde die Bühne für größere und blutigere Feldzüge in der Zukunft bereiten.

Die meisten der vorgeblich sozialistischen Linken reagierten auf den imperialistischen Angriff gegen Afghanistan mit pazifistischem, liberalem Geblöke. Als Tariq Ali vor sechs Wochen in Toronto war, haben wir ihn gefragt, ob er, als ehemaliger "Internationaler Marxist", Afghanistan gegen den Imperialismus verteidigt. Er antwortete mit einem einfachen "Nein!". Die selbst ernannten Marxisten der International Socialists weigern sich, Afghanistan zu verteidigen und sind statt dessen für den simplen pazifistischen Aufruf "Stoppt den Krieg". Aber die Imperialisten selbst wollen so schnell wie möglich "den Krieg beenden", wie die New York Times am 31. Oktober berichtete:

"In den Vereinigten Staaten scheinen einige zunehmend frustriert durch die Langsamkeit der militärischen Kampagne und konservative Politiker haben begonnen, über eine Eskalation durch den Einsatz von mehr Bodentruppen zu reden. In Britannien und anderen europäischen Ländern scheint die öffentliche Meinung jedoch in die andere Richtung zu gehen. Die europäische Öffentlichkeit scheint besorgter über zivile Opfer als ein schnelles Ende des Krieges" (Hervorh. der Red.).

Die US-Herrscher wollen "ein schnelles Ende des Krieges" durch eine Eskalation des Tötens! Wir würden auch gern ein schnelles Ende des Krieges sehen -- aber nur durch den sofortigen Rückzug der Aggressoren der 'Koalition'. "Stoppt den Krieg!"-Forderungen passen zu Pazifisten - aber Revolutionäre beziehen eine Seite, wenn imperialistische Räuber neo-koloniale Länder angreifen.

Enteignet die Enteigner!

Wenn ein anhaltender imperialistischer Feldzug in Afghanistan schlecht läuft und eine steigende Anzahl von Opfern fordert, wird dies die Fähigkeit der Unterdrückten und Arbeiter weltweit stärken, kapitalistischen Angriffen zu widerstehen. Das würde wahrscheinlich auch mehrere der Regime schwächen, die historisch eng mit den U.S.A. identifiziert wurden, einschließlich Saudi-Arabien und Pakistan.

Nach zwei Jahrzehnten an der Macht scheint Irans Islamische Republik ziemlich brüchig. Jede große Sportveranstaltung oder andere öffentliche Gelegenheit droht, zu einer politischen Kundgebung gegen die Herrschaft der Mullahs zu werden. Das ist ein wichtiges Zeichen einer sich entwickelnden vorrevolutionären Situation. Ein erfolgreicher Aufstand gegen die schiitischen Theokraten, basierend auf der mächtigen iranischen Arbeiterklasse, von einer harten kommunistischen Organisation mit einem durchgehend revolutionären Programm geführt, könnte zu einer Welle sozialistischer Kämpfe in der Region führen, genau wie Chomeinis Sieg 1979 den Anstoß für die Islamisten gab.

Letztendlich wird der Kreislauf steigender Brutalität, der die imperialistische Herrschaft charakterisiert, nur durch die Beseitigung des internationalen Systems, das den größten Teil der Menschheit zwingt, in Armut zu leben, enden. Dieser Planet kann von Gewalt und Irrationalität nur durch den einen revolutionären Kampf gesäubert werden, der die Enteigner enteignet und eine sozialistische Planwirtschaft im Weltmaßstab errichtet, in der die Produktion auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtet ist und nicht auf die Maximierung privater Profite. Heute scheint dies ein entferntes Ziel; wir von der Internationalen Bolschewistischen Tendenz sind aber überzeugt, dass es nicht nur möglich ist, sondern dass es keinen anderen Ausweg für die Menschheit gibt.