Revolutionärer Antifaschismus
kontra
antifaschistisches Staatstheater
Der
Ausgangspunkt der plötzlichen staatlich inszenierten Aufregung über
faschistische Gewalt war ein Bombenanschlag am 27. Juli 2000 in
Düsseldorf. Dabei wurden 10 Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR, darunter
sechs Juden, auf ihrem Weg zu einem Deutschkurs am Ausgang des S-Bahnhofes
Düsseldorf-Wehrhahn durch eine Splittergranate schwer verletzt; eine
schwangere Frau verlor ihr Kind. Dieser Anschlag geschah vor dem Hintergrund
einer ansteigenden Welle faschistischer Gewalttaten, die den zunehmenden
bürgerlich-demokratischen Abschiebeterror des Staates durch faschistischen
Straßenterror ergänzte.
Verantwortliche von SPD
und Grünen reagierten unverzüglich mit öffentlich zur Schau
getragenem 'Entsetzen'. In ihren Stellungnahmen machten sie sehr schnell
deutlich, daß hier in erster Linie nicht Menschenleben, sondern der Ruf
Deutschlands auf dem Spiel stünde:
"Die 'Prügelorgien
rechtsradikaler Banden' gefährdeten den inneren Frieden und trübten
das Bild Deutschlands nach außen. Dieser gefährlichen Entwicklung
müsse auch deswegen Einhalt geboten werden, da sonst Investoren und
dringend benötigte Spitzenkräfte für Wirtschaft und Wissenschaft
abgeschreckt würden, erklärte der Kanzler" (Die Welt, 18.09.2000).
In der Tat
war in Anbetracht der unvergleichlichen Blutspur des deutschen Faschismus ein
rassistischer Anschlag gegen Juden in den internationalen Medien besonders
schlecht für das Ansehen des "Standorts Deutschland". Bis dahin hatte die
Imagepflege am Standort vor allem in Beschönigungen bestanden:
Beispielsweise rechnete das Bundesinnenministerium in Kooperation mit BKA,
LKAs, Verfassungsschutz, Richtern und Staatsanwälten die deutlich
über 100 faschistischen Morde seit 1990 durch das bewußte Leugnen
faschistischer Tathintergründe auf 26 herunter. Polizei-Experten aus
Brandenburg gaben mittlerweile zu, daß Statistiken "geschönt"
wurden, damit das Land nicht noch mehr in den Ruf einer "braunen Hochburg"
gerate (Tagesspiegel, 14.09.2000). Im
Ausland wurde die wirkliche Entwicklung dagegen schon seit längerem mit
Sorge zur Kenntnis genommen. Als das Bombenattentat von Düsseldorf den
Mantel des Schweigens zerriß, trat die Bundesregierung die verlogene,
imagepolitische Flucht nach vorn an.
Hinter den Kulissen des
Staatstheaters
Der legale
Staatsrassismus der bürgerlichen Demokraten und Demokratinnen, die
Diskriminierung von Einwanderern, das Einknasten und Abschieben von
Flüchtlingen sind allgemein fester Bestandteil der kapitalistischen
Klasseninteressen, da sie die Herrschaft und die Profite des Kapitals sichern.
Diese offizielle Politik und die damit einher gehende Hetzpropaganda der
Politiker und Medien verbreiten rassistischen Haß in der Bevölkerung
und feuern den Terror der Nazis an - manchmal mehr als es den Herrschenden
augenblicklich lieb ist. Denn so sehr sie einerseits den staatlichen Rassismus
brauchen, so sehr kommt dem aufgeklärten Unternehmenschef wie
seinem Weggefährten, dem modernen Politiker, doch ein
wahlloser, dumpfer, völkischer Rassismus auf der Straße ungelegen,
da er den Gang der Geschäfte stört.
Dem
verlogenen "Antifaschismus" von oben geht es also im Kern um einen im Interesse
des deutschen Kapitals trennscharfen Rassismus, der dessen internationalen
Geschäften und Ausbeutungszwecken (verwertbare Migranten) sowie dessen
Unterdrückungszwecken (Sündenbockfunktion und Spaltung der
Arbeiterklasse) gleichermaßen dient. Diese "Trennschärfe" (Otto
Schily, SPD) mit ihrer völkischen Ideologie nicht hinzubekommen, ist
in Wahrheit der zentrale Vorwurf der parlamentarischen Staatsrassisten und
-rassistinnen gegen das Nazi-Pack. Dem undifferenziert Pöbelhaften der
Faschisten wird der vernünftige Rassismus der Festung Europa
und der gesunde Patriotismus deutscher Interessendurchsetzung in
aller Welt, und insbesondere deutscher Kriegstreiber auf dem Balkan,
gegenübergestellt. Das eine schadet, das andere nutzt dem internationalen
Ansehen des Vaterlandes. Aus dieser Differenz ergibt sich der derzeitige
taktische Umgang des bürgerlich-demokratischen Staates mit den
faschistischen Mörderbanden.
Dabei
besteht aus Sicht des deutschen Kapitals und seines Staates nicht nur das
Problem, daß solch schlechter Ruf exportierten Waren made in
Germany anhaftet: Darüber hinaus schreckt die Gefahr
ausländische Investoren und erwünschte Arbeitsimmigranten
(Facharbeiter, Spezialisten, Wissenschaftler, Stichwort Greencard) ab. Es
drohte also eine umfassende Schädigung des Wirtschaftsstandorts
Deutschland: beim Export deutscher Waren und Kapitalien und beim Import
von Kapital und Arbeitskräften. Darüber hinaus drohen dem deutschen
Imperialismus diplomatische Schwierigkeiten bei der Durchsetzung seiner
Interessen auf internationalem Parkett. Solchen Schaden von der deutschen
Politik und Wirtschaft abzuwenden, ist Auftrag der bürgerlichen
Staatsgewalt. Aus diesem Grunde und
in diesem Sinne setzte
Regie(rungs)leiter Gerhard Schröder (SPD) aus Sorge um Deutschland
antifaschistische Empörung auf den Spielplan.
Aufstand der Anständigen?
Die
Komparsen für dieses Schmierenstück zur Imagerettung des deutschen
Imperialismus wurden in zahlreichen Bündnissen unter Losungen wie
"Aufstehen für Menschenwürde" und "Aufstand der Anständigen"
mobilisiert. Die Tatsache, daß sich an deren Kundgebungen und
Demonstrationen auch viele mit einem ehrlichen Abscheu gegen das Nazi-Pack
beteiligen, macht den politischen Charakter dieser Kampagnen allerdings keinen
Deut besser.
Die
Zivilcourage zu der die Anständigen auf großen
Plakatwänden aufgerufen werden, heißt hin- statt wegschauen und ...
110 rufen. Darüber hinaus erschöpft sich der Aufstand der
Anständigen, wie einst das Lichterkettentheater, in der moralischen Geste:
Als z.B. in Düsseldorf am 28. Oktober 200 Anhänger der faschistischen
Mörderbanden aufmarschierten, folgten 20.000 dem Aufruf von Kirchen,
Gewerkschaftsführern, städtischen Honoratioren, den Nazis die
kalte Schulter zu zeigen und sie keine 30 Meter entfernt
ungehindert ziehen zu lassen - unter massivem Polizeischutz vor ca. 2.000
deutschen und immigrierten Gegendemonstranten u.a. aus antifaschistischen
Gruppen, Gewerkschaften, Jusos, die den Nazi-Aufmarsch verhindern wollten und
deshalb zu Hunderten verhaftet wurden.
Die
gegenwärtige Kampagne ist im Prinzip eine Wiederauflage des
Lichterkettentheaters Anfang der neunziger Jahre und der
"Rock-gegen-Rechts"-Konzerte, deren Wirkungslosigkeit hinreichend durch das
ungebrochene Wachstum der Faschisten in den letzten Jahren belegt wird. Um die
Nazis zu bekämpfen ist der "Aufstand der Anständigen" also
völlig nutzlos. Ausgesprochen nützlich dagegen ist der Aufstand
der Anständigen als Auflauf der Claqueure des starken Staates. Offen
treten sie für eine Kooperation mit der Polizei ein, obwohl diese jeder
ernsthaften antifaschistischen Aktion im Wege steht und die meisten
faschistischen Aufmärsche nur durch ihren Schutz möglich sind. Unsere
politischen Erfahrungen zeigen weiterhin, daß diese Bündnisse
für Anstand und Menschenwürde - egal ob lokal oder bundesweit wie am
9.11. in Berlin - unter Einschluß aller staatsrassistischen Parteien
verbal beanspruchen, gegen jede Form rassistischer Gewalt einzutreten, es aber
ablehnen, den rassistischen Staatsterror darin mit einzuschließen. Die
Botschaft ist klar: Die legale Gewalt des Staates gegen Flüchtlinge und
Immigranten wird als nicht-rassistisch beschönigt, die Täter im
Politikerdress oder in der Polizeiuniform werden als angebliche Anti-Rassisten
willkommen geheißen.
Der
politische Charakter dieser Bündnisse - teils unbewußte, teils
bewußte Förderung des starken Staates und seines Rassismus -
erfordert es von jedem ernsthaften Antifaschisten, mit ihnen konsequent zu
brechen. Es gibt einen unversöhnlichen Widerspruch
zwischen wirkungsvoller Bekämpfung der Faschisten und dem "Aufstand der
Anständigen". Dennoch versuchen linke Organisationen wie DKP, VVN oder
Linksruck zu versöhnen und beteiligen sich an den Demonstrationen und
Kundgebungen, die nicht einfach nur "nicht weit genug" gehen, sondern in die
völlig falsche Richtung. Mit revolutionärer Politik, die sich nicht
nur gegen den faschistischen Terror sondern auch konsequent gegen den legalen
Rassismus und die Verschärfung der "inneren Sicherheit" wenden muß,
ist dies unvereinbar.
Starker Staat
Die
Schädigung des deutschen Ansehens durch faschistischen Terror trifft den
Staat auch unmittelbar. Wenn ausländische Reiseführer auf den
Nazi-Terror in Ostdeutschland bereits mit der Empfehlung reagieren, Touristen
sollten nach Einbrechen der Dunkelheit in ostdeutschen Städten nicht mehr
auf die Straße gehen, dann muß die kapitalistische Staatsgewalt
darin eine direkte Provokation sehen. Impliziert diese Empfehlung doch den
Vorwurf, daß der Staat nicht in der Lage ist, willkommene
"Ausländer" wie Touristen oder Fachkräfte zu schützen. Damit
wäre sein "Sicherheits"- oder Gewaltmonopol in Frage gestellt. Um dieses
zu gewährleisten, muß der "starke Staat" präsentiert und die
Bevölkerung motiviert werden, mit der Polizei verstärkt
zusammenzuarbeiten. Dementsprechend verwandelte sich der staatlich inszenierte
"Antifaschismus" im Handumdrehen in eine Kampagne zur Verschärfung der "inneren Sicherheit", d.h. zur
Stärkung der staatlichen Repressions- und Überwachungsorgane von
Polizei, BKA, LKA und Verfassungsschutz.
SPD und
Grüne hatten bereits im Frühjahr 1999 mit verlogener
antifaschistischer Rhetorik erfolgreich für den 3. Kriegszug Deutschlands
gegen Jugoslawien mobilisiert - nun nutzten sie diese bewährte Methode
für die innenpolitische Kriegs- und Irreführung. Damit wurde die von
den Medien angeheizte Aufregung in die geordneten Bahnen staatlicher
Repressionsmaßnahmen gelenkt. In der Folge stieg, nach anfänglicher
Zurückhaltung, auch die konservative Opposition in dieses Unternehmen zum
Abriß demokratischer Rechte im Namen des Antifaschismus ein. Über
diese Entwicklung murrte die PDS ein wenig, blieb aber, wie auch die
Gewerkschaftsführungen, erwartungsgemäß eine staatstragende
Stütze all jener "Runden Tische", "breiten Bündnisse" und sonstigen
Foren, die bundesweit die öffentliche Meinung für den starken
Staat mobilisierten und auf den anti-rassistisch verkleideten
Staatsrassismus von SPD und Grünen einschwören.
Keine Illusionen in Staat und Polizei!
Alle
reformistischen Kräfte in der Arbeiterbewegung unterstützen aktiv die
Stärkung des bürgerlichen Staates. Sie setzen damit konsequent ihre
Politik der Unterordnung der Arbeiterklasse unter die Interessen des Kapitals
fort. 1989 haben SPD, DGB und SED/PDS aktiv die Konterrevolution in der DDR
vorangetrieben. Mit Modrows Plan zur deutschen Einheit und Willy Brandts
dumpf-nationalistischem Jetzt wächst zusammen, was zusammen
gehört unterstützten sie, zusammen mit Nazis und Kohlregierung,
die Parole Wir sind ein Volk. Nach der kapitalistischen
Wiedervereinigung halfen sie, schlechtere Löhne und Arbeitsbedingungen im
Osten aufrechtzuerhalten und im Westen durchzusetzen.
In jeder
erdenklichen Weise haben sie seitdem der kapitalistischen Offensive
Schützenhilfe gewährt, die Arbeiterklasse geschwächt und
demoralisiert. Mit ihrer Standortideologie und Forderungen nach
Einwanderungsquoten auf dem Arbeitsmarkt sowie Razzien gegen sogenannte
Illegale injizieren auch die Gewerkschaftsspitzen den Giftcocktail aus
Nationalismus und Rassismus direkt in die Arbeiterbewegung. Gegen das Gedeihen
der Nazis auf diesem Nährboden mobilisieren die Reformisten und
Reformistinnen entsprechend nicht die Macht der eigenen Basis. Ihr vorrangiges
Anliegen ist vielmehr, die Arbeiterbewegung auf impotente Appelle an staatliche
Institutionen auszurichten.
Die
sozialdemokratischen Gewerkschaftsbürokraten und -bürokratinnen sind
seit jeher eine feste Stütze der staatlichen Autorität. In der
Vergangenheit haben sie die staatlichen Radikalenerlasse durch
anti-kommunistische Unvereinbarkeitsbeschlüsse in ihren eigenen Reihen
umgesetzt. Der jetzt diskutierten politischen Aushöhlung des
Kündigungsschutzes setzen sie nichts entgegen; mehr noch, sie fordern sie
zum Teil selbst. Bisher gab es die Berufsverbote im Beamtenrecht. In Zukunft
gäbe es dann in jedem Beruf die Möglichkeit, Kündigungen aus
politischen Gründen auszusprechen. Denn eine Regelung, die es gestattet,
Nazis zu entlassen, weil sie den Betriebsfrieden rassistisch stören, wird
mit Sicherheit bei Bedarf auf jeden klassenkämpferischen Aktivisten
übertragen, der zu recht den Betriebsfrieden stört. Kommunistinnen
und Kommunisten appellieren nicht an die Bosse sondern mobilisieren die
Kollegen und Kolleginnen, um Nazis zu zeigen, daß für sie kein Platz
im Betrieb ist.
Einen
anderen Beitrag brachte die Vorsitzende der Deutschen Postgewerkschaft in die
aktuelle Debatte ein: Sie forderte, das Briefgeheimnis auszuhöhlen, um den
verfassungsfeindlichen Inhalt von Postsendungen überprüfen zu
können.
In
Mecklenburg-Vorpommern produzierten SPD und PDS einen Gesetzesantrag zur
Einschränkung des Versammlungsrechts, der unter dem Einfluß der PDS
deutlich über Vorschläge anderer SPD-Innenminister hinausgeht. Zwar
richtet sich der Gesetzentwurf "insbesondere" gegen das "Anpreisen
nationalsozialistischer Ideen", schränkt aber das Versammlungsrecht
grundsätzlich dann ein, wenn "Gewalt- und Willkürherrschaft"
verherrlicht oder "Massenmord, Krieg und Vertreibung" verharmlost werden. Nach
bürgerlich-demokratischer Lesart kann dies gegen jede Kundgebung zugunsten
revolutionärer Aufstände oder eines Arbeiterstaates angewandt werden.
Weiterhin hätten unter diesem Gesetz Demonstrationen gegen die
NATO-Angriffe auf Jugoslawien mit Leichtigkeit verboten werden können,
indem eine berechtigte Kritik an der völlig überzogenen aber
regierungsamtlichen, hysterischen Hetze über einen Völkermord an den
Kosovo-Albanern als Verharmlosung geahndet worden wäre.
Diese
absehbaren Entwicklungen wurden im September 2000 am Beispiel des Passeinzugs
und der Ausreiseverweigerung aufgezeigt. Ursprünglich eingeführt zur
Kontrolle (rechter) Hooligans im Umfeld von Fußballänderspielen,
wurden sie angewandt, um Gegner von IWF und Weltbank davon abzuhalten, zu den
von Seattle inspirierten Protesten nach Prag zu reisen.
Wir
bedauern es nicht, wenn Faschisten Opfer der Staatsgewalt werden. Aber wir
wissen, daß jedes abgebaute Recht, jeder neu eingestellte Bulle sich
zehnmal stärker und konsequenter gegen kämpfende Arbeiter, Linke und
Immigranten richten wird als gegen die Nazi-Banden, zu denen die
bürgerlichen Demokraten immer ein taktisches Verhältnis haben.
Die von
vielen linken Organisationen wie DKP, MLPD oder Linksruck unterstützte
Diskussion um das Verbot faschistischer Organisationen, namentlich der NPD, als
verfassungsfeindlich wird sich ebenfalls als Bumerang erweisen. Die
Verbotsforderung wird gleichzeitig die Linke und Arbeiterbewegung ideologisch
schwächen und desorientieren, weil sie von der notwendigen gemeinsamen
Massenmobilisierung von Arbeitern und Immigranten zur Zerschlagung der
faschistischen Mörderbanden ablenken.
Während sie die
Position des Staates gegenüber der Arbeiterbewegung und Linken
stärken, sind staatliche Verbots- wie Repressionsmaßnahmen generell
völlig ungeeignet, das Wachstum der Faschisten zu stoppen - sie werden es
höchstens kurzfristig verzögern aber nicht beenden. Alle Erfahrung
lehrt, daß Verbote nur zur Umgruppierung und formalen Neuorganisation der
faschistischen Szene geführt haben. Die Verbote der FAP, der Deutschen
Liga für Volk und Heimat u.a. Anfang der 90er gingen der aktuellen
Konzentration und Stärkung voraus; die alten Neo-Nazi-Kader wirken weiter;
neue kamen hinzu.
Der Zulauf
politischer Bewegungen hängt in erster Linie von ihren Wurzeln in den
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der Gesellschaft ab:
Konterrevolution, gnadenlose kapitalistische Konkurrenz, sinkender
Lebensstandard, Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, Obdachlosigkeit und sog.
neue Armut erzeugen in breiten Schichten der Bevölkerung
(besonders im überdurchschnittlich betroffenen Osten Deutschlands)
Zukunftsängste, Wut und Verzweiflung. Die Unfähigkeit der
führenden Kräfte in der Arbeiterbewegung und Linken, - d.h. von DGB,
SPD und PDS samt ihrem buntscheckigen kritischen und
radikalen Anhang von links-reformistischen Sozialisten
und Autonomen - darauf eine revolutionäre Antwort in Wort und Tat zu
formulieren, läßt diese berechtigte Wut zu ohnmächtiger
Verzweiflung verkommen. Der Rassismus des bürgerlich-demokratischen
Staates lenkt diese eigennützig und im Interesse seiner obersten
kapitalistischen Dienstherren auf immigrierte Sündenböcke. In diesem
Sinne ist Rassismus eine staatstragende Säule kapitalistischer
Herrschaftssicherung.
Auf einem
derart gut gedüngten Nährboden haben die Nazi-Banden leichtes Spiel.
Selbst wenn der Staat gegen die Faschisten ernsthaft vorgehen würde, so
würde er doch nur oberflächlich auf tiefverwurzelte Symptome der von
ihm verteidigten marktwirtschaftlichen Ordnung, d.h.
kapitalistischen Herrschaft, reagieren. Illusionen in Staat und Polizei sind
eine Sackgasse, die den Kampfwillen einschläfert und die
antifaschistischen Kräfte entwaffnet. Die Linke, Immigranten, Juden und
andere bereits diskriminierte und benachteiligte Gruppen werden dadurch
schutzlos dem faschistischen Terror ebenso wie der rechtsstaatlichen Repression
ausgeliefert.
Innenministerien und Nazis:
Im Stechschritt gegen Asylbewerber
Hinter der
Fassade des antirassistisch verkleideten legalen Rassismus entwickelt sich
unweigerlich eine teils faktische, indirekte und ganz legale, teils offene und
direkte Zusammenarbeit staatlicher Einrichtungen mit den Nazi-Banden. Bei allen
Differenzen in der Frage wirtschaftlich erwünschter Migranten eint sie
eine gemeinsame Feindschaft gegen die große Mehrheit der (kapitalistisch
"unwerten") Immigrantinnen und Immigranten.
Der
Algerier Khaled Durch Bensaha war ein Opfer der blutigen Gubener Hetzjagd durch
Nazischergen im Februar 1999. Im Dezember 1999 beantragte er aus dringenden
humanitären Gründen und unter ausdrücklichem Hinweis auf das
Gubener Trauma eine unbefristete Aufenthaltsbefugnis in der Bundesrepublik
Deutschland, mit dem Ziel eine Therapie zur Aufarbeitung des erlittenen Traumas
aufzunehmen. Anfang Juni 2000 lehnt die Ausländerbehörde des
SPD-Stadtoberhaupts Matthias Platzek den Antrag ab. Unter spitzfindiger
Begründung, angelehnt an die Bestimmungen des Ausländergesetzes und
des Asylverfahrensgesetzes, sieht die Behörde keinen ausreichenden
Ermessens-spielraum für einen positiven Bescheid.
Dem
Ägypter Salah Ali Hassan al-Namr wird im Oktober 1998 von Faschisten in
Elsterwerda seine Pizzeria Ali Baba abgefackelt. Daraufhin
verfügt die Ausländerbehörde des Landkreises seine Abschiebung
und erließ deswegen gegen A. Haftbefehl. Das brandenburgische
Innenministerium deckt das Vorgehen im Landkreis und stellt sich mit
bemerkenswert zynischer Begründung hinter die getroffene Entscheidung:
Die Aufenthaltsbefugnis war stets an die Betreibung des Betriebes
gebunden.
In diesem
Zusammenhang wird immer wieder beteuert, so auch die Stellungnahme Manfred
Stolpes (SPD) dazu, daß der gesetzliche Rahmen nicht überschritten
wurde. Hier wird klar gestellt, daß die von der SPD selbst getragenen
Grundsätze des rassistischen Ausländergesetzes nicht in Frage
gestellt werden sollen.
Bei den
Einschüchterungsversuchen gegen politisch aktive Einwanderer, wie z.B. den
nigerianischen Asylbewerber Akubuo Anunsonwu Chukwudi, gehen die Knute des
Ausländergesetzes und der faschistische Knüppel Hand in Hand. Akubuo,
ein Gegner des Regimes in seiner Heimat, setzt sich in Deutschland für die
Rechte von Flüchtlingen ein. Während die zuständigen Beamten in
Mecklenburg versuchten, den nigerianischen Flüchtling mundtot zu machen,
wurde gezielt ein Brandanschlag auf sein Zimmer verübt. Als er dennoch
standhaft blieb, versuchte man ihn im Eilverfahren abzuschieben, bevor
über seinen Asylantrag entschieden werden konnte. Während die
Ausländerbehörde einen politischen Aktivisten gegen die Diktatur in
Nigeria mittels Bildzeitung (BILD
11.12.2000) versucht, als Kriminellen abzustempeln, wird eine Mahnwache
gegen seine Abschiebung von Faschisten angegriffen, die einem deutschen
Unterstützer offen drohen: "Wenn der Nigger hier bleibt, bist Du dran".
Durch
Proteste und Beschlüsse der SPD- und PDS-Landtagsfraktion, Akubuo
für die Dauer seines Asylverfahrens
Aufenthalt zu gewähren, unter Druck gesetzt, verweist das
Innenministerium auf die gesetzliche Zuständigkeit der
Ausländerbehörden, die Akubuo abschieben wollen, und sieht daher
keine rechtliche Notwendigkeit einzugreifen. Hier erweist sich die
bürgerliche Gewaltenteilung zwischen Exekutive und parlamentarischer
Schwatzbude als ideales Mittel des politischen Betrugs, die es den Politikern
von PDS und SPD erlaubt, mit frommen Worten eine anti-rassistische Maskerade
aufzuführen, die aber, zu ihrem Glück und Akubuos Leid, in der Tat
folgenlos bleibt.
In
Arnstadt wurden in der Nacht vom 21. zum 22. Oktober 2000 drei Asylbewerber aus
Kamerun und Sierra Leone aufs brutalste von Nazis angegriffen. Fopa George,
Patterson Kenwou und John Adana berichten, wie sie mit Baseballschlägern,
Knüppeln und einem Messer angegriffen wurden. Schließlich gelang es
ihnen, die Angreifer mit einer Spielzeugpistole, die Patterson bei sich hatte,
in die Flucht zu schlagen. Als die Polizei kurz darauf eintraf, traute sich
auch die Nazi-Bande wieder aus ihren Löchern. Im Beisein der Polizei
bedrohten und schlugen sie die drei Afrikaner. Als John sich schließlich
wehrte, wurde er von der Polizei mit Knüppeln geschlagen. Die Polizisten
begannen die Einwanderer als "Tiere" und "Nigger" zu beschimpfen und schlugen
immer wieder gemeinsam mit den Faschisten auf sie ein. Schließlich
fesselten sie die Immigranten und brachten sie auf die Polizeiwache, wohin
ihnen das Nazi-Pack folgte, um sie dort erneut anzugreifen.
Diese
Vorgänge erinnern deutlich an die sogenannte Doppelstreife Anfang der
dreißiger Jahre - ein Polizist und ein SA-Mann, der "aufpasste", dass
hinter den "Richtigen" hergerannt wurde. Die Anzeige der drei Afrikaner bei der
Staatsanwaltschaft Meiningen endet mit den Worten: "Wir haben das Vertrauen in
die Polizei verloren und fühlen uns in Anwesenheit der Polizei bedrohter
und unsicherer. Die Polizei hat uns nicht geschützt in einer Situation,
als wir hilflos waren und ihren Schutz brauchten". Diese Schlußfolgerung
ist ganz und gar berechtigt und läßt sich verallgemeinern:
Kein Vertrauen in Staat und Polizei!
Die Aufgabe des kapitalistischen Staates und seiner Polizei ist nicht der
Schutz der Ausgebeuteten und Unterdrückten sondern der Reichen und
Mächtigen. Daran gemessen sind seine rassistischen "Untaten" keine
Verfehlungen sondern Programm. Die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wird dem
rassistischen Treiben kein Ende bereiten. Dem legalen, objektiven
Zusammenwirken der Abschiebeterroristen und -terroristinnen mit den Nazis, ist
auf gesetzlichem Wege ohnehin nicht beizukommen, weil nicht nur alle
bürgerlichen Parteien sondern auch die bürgerlichen Arbeiterparteien
SPD und PDS den staatsrassistischen Konsens zumindest praktisch mittragen.
SPD: Rassistischer Wolf im
antirassistischen Schafspelz
Das
Wachstum der faschistischen Terrorbanden ist untrennbar vom demokratischen
Staatsrassismus - egal wie verfeinert und verkleidet dieser daherkommen mag.
Denn jede Rechtfertigung oder Duldung rassistischer Ausgrenzung erzeugt ein
Klima der Unterstützung oder Duldung rassistischer Gewalttaten und dient
den Nazis in der ideologischen Auseinandersetzung als Anknüpfungspunkt
ihrer Völkermordpropaganda.
Im Mai
1999 erklärten wir warum die Reform des rassistischen deutschen
Staatsbürgerschaftsrechts, ... in den rot-grünen
Händen zur reaktionären Posse geriet, die wegen all der
rassistischen Einschränkungen und der Absicht der politischen Integration
in diesen Staat im Kern nichts anderes als eine repressive Modernisierung des
deutschen Nationalismus und Rassismus ist: Denn die deutsche
Bourgeoisie will bei der künftigen Ausgestaltung der
Klassenverhältnisse (Modernisierung) keineswegs auf das
Herrschaftsinstrument des Rassismus verzichten; sie will ihn nur in ihrem
Interesse anpassen an die Realitäten der Arbeitsmigration, d.h. sie will
den Rassismus modernisieren. (Modernisierter Rassismus und rassistische
Modernisierung, (BOLSCHEWIK Nr. 12,
Mai 1999).
Der SPD
kommt dabei die Rolle zu, die Anpassung des staatlichen Rassismus an die
aktuellen Erfordernisse des deutschen Kapitals, als "Antirassismus" im
nationalen Interesse verpackt, zu popularisieren und gegen den konservativen
Widerstand durchzusetzen - durch diese Modernisierung macht sie den
Staatsrassismus nicht harmloser sondern effektiver.
Rassistische Leitkultur und legaler Rassismus
Die
aktuelle Tendenz, daß ein neoliberal modernisierter Rassismus
...das völkische Prinzip zugunsten eines nationalistischen, am
Leistungsprinzip orientierten Rassismus ablöst (BOLSCHEWIK Nr. 14, Mai 2000) setzte sich
deutlich in der sogenannten Greencard-Debatte fort. Führende Vertreter des
deutschen Kapitals gaben in deren Verlauf deutlich und ganz öffentlich in
Interviews und Polit-Talks zu verstehen, daß sie von der CDU/CSU eine
entsprechende Modifizierung ihrer rassistischen Politik verlangen - ein Wunsch
dem sich die Union spätestens nach Jürgen-"Kinder statt
Inder"-Rüttgers Wahlschlappe in NRW nicht mehr verschließen konnte.
Hinter parteipolitischer Rhetorik wird so ein
faktischer rassistischer Konsens
erkennbar, der CDU, SPD, FDP und Grüne auf folgenden Punkten vereint:
- Die Zahl der Asylbewerber soll durch europäische
Regelungen und Änderungen im Asylverfahren effektiv immer weiter gesenkt
werden; die formale Änderung des Grundgesetzes ist zweitrangig.
- Dass dieses Land reif ist für eine gelenkte
Zuwanderungspolitik erkennen alle Seiten an. SPD-Innenpolitiker - allen
voran Otto-'Das Boot ist voll'-Schily - "befinden, dass die Zuwanderung
sehr niedrig anzusetzen sei (Rheinische Post, 09.11.2000).
- Wer dennoch gemäß den Interessen der Wirtschaft
nach Deutschland einwandern darf müsse die Werte der Verfassung
achten, Recht und Gesetz respektieren und sich bemühen, die deutsche
Sprache zu lernen, wenn er hier leben und arbeiten wolle: Laut Gerhard
Schröder sind das drei Kriterien, auf die wir uns alle
verständigen können müßten (ebd.). Ob diese
Unterordnung unter "deutsche" Gesetze und Werte sowie die bürokratische
Privilegierung der deutschen Sprache nun offiziell "Leitkultur" genannt wird
oder nicht, ändert in der Sache nichts: Im geltenden Recht drücken
sich, vermittelt über Werte und Normen der herrschenden Nationalkultur und
-ideologie, die Interessen der herrschenden Klasse aus.
Nach den
Vorstellungen der rot-grünen Bundesregierung soll durch
entsprechende gesetzliche Regelungen noch vor der nächsten Bundestagswahl
eine der deutschen Bourgeoisie auf den Leib geschriebene Einwanderungspolitik
verabschiedet werden. Die PDS - deren neue Führung hemmungslos ihrer Liebe
zu Deutschland Ausdruck verleiht - nähert sich patriotisch konsequent
dieser Kompromißlinie an. Mit eigenen Vorschlägen zur Steuerung und
Kontrolle von Einwanderung beweist sie, daß jede Vaterlandsliebe, sei sie
noch so rhetorisch weichgespült, untrennbar ist von Ausgrenzung und
Unterdrückung.
Die
geplanten "neuen" Einwanderungsregelungen werden für ausgewählte,
begehrte Arbeitskräfte je nach Marktlage, d.h. solang sie gefragt sind,
die Tür der Festung BRD bzw. Europa einen Spalt öffnen. Für die
Mehrheit der MigrantInnen wird die bisherige Politik von Abschottung und
Abschiebung nahtlos fortgesetzt. Diese wird von allen Bundes- und
Landesregierungen, egal aus welchen Parteien sie gebildet werden, umgesetzt.
SPD und PDS an der Macht unterscheiden sich dabei in ihren Taten nicht von
CDU/CSU - sie verbreiten allenfalls mit Rücksicht auf ihre Parteibasis
mehr heuchlerische Schönfärberei.
Doch diese
humanistische Heuchelei hält z.B. das SPD-regierte NRW-Innenministerium
nicht davon ab, mit rücksichtsloser Härte und Heimtücke
Abschiebungen in Folterstaaten durchzusetzen: N. Rajakanthan und P.
Gunasingham, zwei hungerstreikenden tamilischen Asylbewerbern im Abschiebeknast
Moers, wurde vom Innenministerium Gesprächsbereitschaft vorgetäuscht.
Als sie für die Verhandlungen ihren bereits einundzwanzigtägigen
Hungerstreik abbrachen, wurden sie nach Sri Lanka abgeschoben, wo sie nach
Angaben eines Journalisten direkt verhaftet wurden. Die spontane Besetzung von
zehn SPD-Büros durch tamilische Einwanderer wurde von den
sozialdemokratischen Bluthunden eiskalt ignoriert.
Bei der
Durchsetzung seiner Abschiebepolitik wird vom rassistischen Rechtsstaat kein
rechtsfreier Raum geduldet. Die Innenministerien aller Länder haben daher
beschlossen, das Wanderkirchenasyl rücksichtslos zu beenden.
Moralische Druckmittel gegen legalen Rassismus
Das
Wanderkirchenasyl versucht, von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen durch
ihre Unterbringung in Kirchenräumen zu helfen und die Öffentlichkeit
zusammen mit der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und
MigrantInnen und "Kein Mensch ist illegal" auf deren Schicksal aufmerksam
zu machen, an staatliche Einrichtungen zu appellieren und in Verhandlungen mit
den Behörden härtefallbedingte Duldungen zu erreichen.
Ihre
Politik hat einen kleinbürgerlich-liberalen Charakter, in deren Rahmen die
Öffentlichkeit die Rolle eines Druckmittels auf die Herrschenden spielt,
das diese an ihre demokratischen Pflichten erinnern soll: "Aber kann diese
unheilige Allianz im Namen einer liberalen Demokratie agieren?" ist der
typische Tenor von Erklärungen der "Karawane" (siehe www.humanrights.de).
Mit diesen moralischen Druckmitteln soll der Staat bei seiner - in Wirklichkeit
nicht vorhandenen - demokratischen Ehre gepackt werden. Doch seit wann wackelt
der Schwanz mit dem Hund? Auch hier läuft es - den tatsächlichen
Kräfteverhältnissen entsprechend - andersherum: Nicht die "Karawane"
bindet den Staat an demokratische Prinzipien sondern, trotz der besten
persönlichen Absichten ihrer engagierten Aktivistinnen und Aktivisten,
fesseln die "Karawane" und Co. durch ihre Politik die von ihr geführte
antirassistische Bewegung an das System kapitalistischer Herrschaft, indem sie
Illusionen in die bürgerliche Demokratie verbreitet.
Ohne
Klassenunterschied fordert sie "alle Politiker" in Parlamenten und Regierungen
auf antirassistisch zu handeln: "Auch und gerade die politisch
Verantwortlichen, die noch Anfang dieses Monats zum 'Aufstand der
Anständigen aufriefen, sind zur Stellungnahme und zum Handeln
aufgerufen, ggf. auch dazu, die Polizei dieser Stadt (Berlin, A.d.R.) in ihre
Schranken zu weisen" (ebd.), lautete beispielsweise der Appell nach einem
Polizeiüberfall auf eine Therapieeinrichtung für traumatisierte
Flüchtlinge - in völliger Verkennung der tatsächlichen
politischen Bedeutung dieses "Aufstands der Anständigen".
Die
Krönung ist es, wenn in einem öffentlichen Appell an den
Ministerpräsidenten Harald Ringstorff in Mecklenburg-Vorpommern den
regierungsbildenden Landtagsfraktionen von PDS und SPD seitens der "Karawane"
der "Einsatz politischer Courage" bescheinigt wird, weil sich die Abgeordneten
dafür aussprachen, daß die Abschiebung des nigerianischen
Flüchtlings und politischen Aktivisten Akubuo Anunsonwu Chukwudi
ausgesetzt wird, um ihm eine "faire und umfassende Hauptverhandlung im
Asylverfahren zu ermöglichen" (ebd.). Fair? Denn noch im gleichen Absatz
wird festgestellt, das Akubuos "siebenjähriger Aufenthalt in Deutschland
... gekennzeichnet ist ... durch sein unermüdliches Engagement gegen die
sich zunehmend verschlechternde Menschenrechtssituation von Flüchtlingen"
(ebd.) - d.h. von einem unermüdlichen Ringen gegen "alle Politiker" auch
aus SPD und PDS in den diversen Parlamenten und Regierungen Deutschlands.
Ohne den
aufrichtigen Einsatz der Einwanderer und ihrer Unterstützer und
Unterstützerinnen in Wanderkirchenasyl und "Karawane" zu schmälern:
Den Herrschenden Honig ums Maul zu schmieren bedeutet, den Unterdrückten
Sand in die Augen zu streuen. Der Rassismus steht keinesfalls im Widerspruch
zur bürgerlichen Demokratie, vielmehr ist er deren Kehrseite. Der moderne
Rassismus ist ein Kind der bürgerlichen Gesellschaft, die in Anbetracht
der realexistierenden kapitalistischen Ungleichheit erklären mußte,
warum trotz der hehren Ansprüche von "Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit" einige gleicher als andere waren und sind (siehe auch
BOLSCHEWIK Nr. 3, Mai 1993,
Kapitalismus und Rassismus).
Entsprechend
mußte die Politik der Appelle an das angebliche demokratische Gewissen
"aller Politiker" und die Verhandlungen mit den staatlichen Institutionen
über kurz oder lang am Ende der Sackgasse ankommen. Die
Verhandlungsbereitschaft des Staates ist offensichtlich zu Ende. Der
Ministerialbeamte Engel des SPD-geführten Innenministeriums in NRW machte
am 12.11. unmißverständlich deutlich, dass alle, die bisher
noch keine Duldung haben, jetzt auch tatsächlich abgeschoben werden:
bei jeder Gelegenheit außerhalb der Kirchenräume
werden die Ausländerbehörden diese Entscheidung endlich
durchsetzen (Gott und die Welt,
WDR 12.11.2000). Endlich - da werden wohl langgehegte
sozialdemokratische Wünsche wahr, wenn etwa die bekannten kurdischen
Flüchtlinge Mehmet Kilic und Hüseyin Calhan aus dem Wanderkirchenasyl
weggeknastet und in die Türkei abgeschoben werden, wo Mehmet Kilic sofort
verhaftet und mißhandelt wurde. Dazu paßt, daß die
Kriegswaffenexporte der BRD sich 1999, in nur einem Jahr unter der
SPD/Grünen-Regierung, mehr als verdoppelt haben. Hauptabnehmer waren
Türkei und Israel. In beiden Ländern wird gegen die dort lebenden
Minderheiten, Kurden bzw. Palästinenser, und ihre nationalen Rechte aufs
brutalste vorgegangen.
Kommunistinnen und
Kommunisten verteidigen das
Wanderkirchenasyl gegen staatliche Angriffe und Schikanen, um aber die Lage von
Asylsuchenden wirklich nachhaltig zu
verbessern ist es nötig, die Macht der Arbeiterklasse gegen
das rassistische Herrschaftssystem der deutschen Bourgeoisie zu mobilisieren.
Verhandlungen mit und Appelle an den Staat des deutschen Kapitals werden in
Zukunft voraussichtlich auch in Einzelfällen kaum noch zum Ziel
führen.
Kampf den demokratischen
Staatsrassist(inn)en
An der
Politik des legalen Rassismus beteiligen sich alle parlamentarischen Parteien
ohne wesentlichen Unterschied: Die rot-grüne Bundesregierung setzt nahtlos
den staatsrassistischen Terror der Kohlregierung fort, und die PDS an der Macht
in Mecklenburg-Vorpommern weicht von dieser Linie keinen Deut ab - die
anti-rassistischen Phrasen in ihrem Programm haben
keinerlei progressiven praktischen Wert; ihr einziger
Zweck ist die ideologische Täuschung.
Unter
jeder bürgerlichen Regierung sind die meisten Immigranten und
Immigrantinnen gesetzlich ständig gezwungen, die Berechtigung für ihr
Verbleiben in der BRD durch Ehe oder Verwandtschaft nachweisen zu müssen
oder ihre politische Verfolgung im Heimatland zu attestieren. Dabei wird oft in
zynischer Weise über die tatsächliche Gefährdung hinweggegangen
oder beispielsweise von Richtern die mehrfache Vergewaltigung einer tamilischen
Frau in sri-lankesischen Knästen als "asylirrelevante(s)" "ruppiges
Verhalten" der Sicherheitskräfte verharmlost, obwohl es im Rahmen der
Bürgerkriegsführung gegen die tamilische Bevölkerungsminderheit
fast systematisch zu Vergewaltigungen durch Regierungskräfte kommt.
Gelingt es
Einwanderern nicht, durch eines der wenigen Löcher in der juristischen
Abschottung Deutschlands zu schlüpfen, dann droht ihnen die Abschiebung:
zunächst in die Illegalität, in der sie ihre Arbeitskraft als
sogenannte Illegale zu Lohndumpingpreisen verhökern müssen, und
sobald der Staat sie zu fassen bekommt, in Not oder Folter in ihrem
Herkunftsland.
Das
Ausländergesetz wird als Knebel und Knute für Immigrantinnen und
Immigranten benutzt, um unter der Abschiebedrohung einen illegalen und
halblegalen Arbeitsmarkt zu bedienen. Die kleinbürgerlich-liberale
Forderung nach Bleiberecht verschiebt das Problem nur, denn wer bleiben darf
hat noch keine Arbeitserlaubnis und damit zu viel zum Sterben und zu wenig zum
Leben. Durch das Arbeitsverbot produziert das Ausländergesetz die
"kriminellen Ausländer" für die Statistik und rassistische
Propaganda.
Aber
selbst wenn Einwanderer bleiben und arbeiten dürfen, dann nur als
entrechtet: Wichtige politische Rechte, sogenannte Staatsbürgerrechte wie
Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Freizügigkeit und freie
Berufswahl, sowie die rechtliche Gleichstellung insgesamt, sind laut Verfassung
Deutschen vorbehalten. Damit ist es nicht nur leichter, Immigranten (politisch)
zu kriminalisieren - im Falle (politischer) Kriminalisierung droht ihnen die
Abschiebung in die Mord- und Folterknäste ihrer Heimatländer. In
besonders zynischer Weise machen sich damit die selbsternannten
Menschenrechtswächter des deutschen Imperialismus die sogenannten
Menschenrechtsverletzungen in den Herkunftsländern vieler Einwanderer
zunutze, um diese hier politisch mundtot zu machen. Damit werden einem
zentralen Teil der Arbeiterklasse in Deutschland verschlechterte
Kampfbedingungen aufgezwungen.
Diese
Politik und die sie tragenden Parteien sind direkt gegen die Interessen der
Arbeiterklasse gerichtet. Keine klassenbewusste Arbeiterin, kein
klassenbewußter Arbeiter kann daran interessiert sein, daß im
Betrieb unter Tarif gearbeitet wird oder daß ihre immigrierten Kollegen
und Kolleginnen verschärfter Unterdrückung ausgesetzt sind.
Nicht nur
der antifaschistische Kampf, jeder wichtige Klassenkampf erfordert in einem
"Einwanderungsland" wie der BRD eine strategische Orientierung auf die
gemeinsame Massenmobilisierung von Arbeitern und Immigranten. Diese ist
untrennbar verbunden mit dem anti-rassistischen Eintreten für gleiche
Rechte: Immigranten sind Kampfgefährten, für die ihre rechtliche
Diskriminierung eine tödliche Gefahr darstellen kann. So wurde auf der
antifaschistischen Demonstration in Düsseldorf am 28.10.2000 Özcan
Toker, ein Asylbewerber aus Kurdistan, verhaftet. Obwohl nicht vorbestraft,
wurde er in einem Eilverfahren auf diskriminierende Art und Weise wegen
versuchter schwerer Körperverletzung zu sieben Monaten Haft
ohne Bewährung verurteilt. Sein erster Asylantrag war bereits abgelehnt
worden, die jetzige Verurteilung verschlechtert seine Chancen für den
Asylfolgeantrag. Ihm droht nun nach Abbüßen seiner Haftstrafe die
direkte Abschiebung in den türkischen Folterstaat. Wir fordern nicht nur
die sofortige Freilassung von Özcan Toker:
Volle
Staatsbürgerrechte für alle Einwanderer! Weg mit dem
Ausländergesetz! Kampf allen Abschiebungen und
Einwanderungsbeschränkungen! Diese grundlegenden demokratischen
Forderungen sind ein notwendiger und elementarer Bestandteil der
Klasseninteressen des Proletariats.
Was tun?
Es
wäre falsch, bürgerliche Demokratie und Faschismus gleichzusetzen, da
Faschismus die vollständige Zerschlagung aller Organisationen bedeutet,
die potentiell Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung leisten
können. Insbesondere die Organisationen der Arbeiterbewegung werden in der
bürgerlichen Demokratie zwar auch unterdrückt aber nicht zerschlagen.
Diese Unterscheidung ist von elementarer Bedeutung, um die Kampfbedingungen
richtig einschätzen zu können.
Genauso
falsch wäre es allerdings, in politischer Hinsicht die bürgerliche
Demokratie als Alternative zum Faschismus hinzustellen. Das Wachstum der
faschistischen Gruppierungen ist ein Gradmesser dafür, wie groß die
Schwierigkeiten des Kapitalismus sind und wie wenig die Probleme auch nur
oberflächlich im parlamentarischen Rahmen gelöst werden können.
Derzeit gibt es ein für viele lebensbedrohliches Wachstum der Faschisten;
diese bilden aber noch keine Massenbewegung und wegen der Passivität der
deutschen Arbeiterbewegung braucht die deutsche Bourgeoisie absehbar auch keine
faschistische "Machtergreifung". Die Mittel und Grausamkeiten der
bürgerlichen Demokratie reichen dem Kapital; die Nazis will es als
stille Reserve im Hintergrund halten.
Die
bürgerliche Offensive muß von allen klassenbewußten Aktivisten
und Aktivistinnen auch unabhängig von einer faschistischen Bedrohung
bekämpft werden. Auf keinen Fall sollte die von Staat und Kapital
inszenierte "antifaschistische" Hysterie zu einem "antifaschistischen"
Tunnelblick führen, über den der Kampf gegen alle anderen Formen der
Unterdrückung und jede Ausbeutung in den Hintergrund gedrängt wird.
Der konsequente Kampf gegen jede Schweinerei des kapitalistischen Systems - und
schließlich gegen dieses selbst -, ist zudem das zentrale Element des
politischen Kampfes gegen die Nazis. Dieser muß ohnehin das militante
Vorgehen gegen faschistische Organisationen ergänzen, um ihren
Nährboden nachhaltig trockenzulegen.
Faschismus
kommt nämlich aus dem Kapitalismus; seine Wurzeln sind Ausbeutung,
Verelendung, Massenarbeitslosigkeit, Lohndrückerei, Sozialraub,
Staatsrassismus, Nationalismus und Militarismus. Der Kampf für gemeinsame
soziale Interessen bietet die beste Möglichkeit, die rassistische Spaltung
der Arbeiterklasse aktiv zu überwinden. Die Vernichtung des Faschismus mit
all seinen Wurzeln erfordert daher ein komplettes Programm des Kampfes gegen
alle Formen der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung - also ein
Programm zum Sturz des deutschen Imperialismus durch sozialistische
Arbeiterrevolution.
Militanter
Anti-Faschismus allein kann daher keine ausreichende Perspektive im Kampf gegen
die Faschisten bieten. Dennoch ist es nötig, der mörderischen
faschistischen Gefahr auch direkt entgegenzutreten. Doch auch auf der
Straße braucht erfolgreicher Anti-Faschismus die Mittel des
Klassenkampfes.
Nur eine
auf die multinationale Arbeiterbewegung gestützte
Massenmobilisierung, die in jeglicher Weise unabhängig vom
bürgerlichen Staatsapparat bleiben muß und es sich zur Aufgabe
setzt, Nazi-Aufmärsche trotz des Bullenschutzes zu verhindern, wird den
braunen Schergen Einhalt gebieten.
Die
gegenwärtige weitgehende Isolation der antifaschistischen Linken von der
organisierten Arbeiterbewegung kann jedoch nicht durch die Arbeit
linksreformistischer Antifaschisten in den Gewerkschaften gelöst werden,
da ihnen das programmatische Rückgrat fehlt, die Gewerkschaftsbasis zum
Bruch mit den Gewerkschaftsbürokraten zu führen.
Dieses
kann nur eine leninistisch-trotzkistische Organisation mit einem klaren
Verständnis der revolutionären Aufgaben und Mittel leisten. Von
größter Wichtigkeit ist die Verankerung von solchen geschulten und
erfahrenen Revolutionären in der Arbeiterbewegung und insbesondere ihren
immigrierten Schichten. |